Kunstradsportler Philipp Rapp verschiebt Grenzen
Weltmeister Philipp Rapp begeistert unter anderem mit einem Salto, der neu in seiner Kür ist.Foto: Daniel Kratschmar

Philipp Rapp (RSV Tailfingen) ist ohnehin schon Weltmeister im 1er Kunstradfahren. Doch zur neuen Saison hat er seine Kür aufgestockt und den Kunstradsport mit neuen spektakulären Übungen nochmals auf ein ganz neues Level gehoben. Am 22. August beginnt mit dem ersten der drei German Masters-Turniere für die deutschen Kunstradfahrerinnen und -fahrer die Phase zur Qualifikation für die Weltmeisterschaften. Rapp wird mit seinem beeindruckenden Programm sicherlich im Mittelpunkt stehen.

Beim Weltcup im baden-württembergischen Rangendingen Anfang August reichte Rapp 218,20 Punkte ein – so viel wie niemand zuvor. Möglich machen das zwei neue Übungen, die nur er beherrscht: Die „freie Stützwaage“ – auch „Planche“ genannt – ist beispielsweise auch vom Kunstturnen bekannt und gilt als eine der schwersten Halteübungen, bei der der gesamte Körper waagerecht in der Luft gehalten wird, während man sich nur auf den Händen abstützt – im Fall des Kunstradfahrens auf dem Lenker. Die zweite Übung ist der „Kehrlenkerstand Salto rückwärts gehockt“. Dieses spektakuläre Element zeigt Rapp am Ende seiner Kür. Dabei springt er aus dem Kehrlenkerstand mit einer kompletten Rückwärtsdrehung mit angezogenen Beinen vom Rad – und landet tatsächlich auf zwei Beinen.

Dass nur er diese beiden Übungen im Programm hat, mache ihn schon etwas stolz. Doch dahinter steckt sehr viel harte Arbeit. „Mit beiden Übungen habe ich nach der Weltmeisterschaft 2023 angefangen. Die freie Stützwaage habe ich dann im Juli 2025 zum ersten Mal im Wettkampf gezeigt. Beim Salto hat es etwas länger gedauert, den bin ich im Juli 2026 zum ersten Mal im Wettkampf gefahren“, erzählt Rapp. Vor allem beim Salto habe er viele „Ups und Downs“ durchgemacht, weil es Phasen gab, in denen es einfach nicht klappte. Die besondere Herausforderung dabei ist, dass das Rad nicht umfallen darf, sondern es bei der Landung aufgefangen werden muss. „Wir haben uns von vielen anderen Sportarten Tipps geholt und ich nehme sogar Ballettunterricht, was ich mir 2023, als wir damit angefangen haben, auch nicht hätte vorstellen können“, so Rapp. Nach der zwei- beziehungsweise dreijährigen Trainingsphase freute sich Rapp, die Übungen endlich auch im Wettkampf zeigen zu können.

Beim Weltcup in Rangendingen klappte das sogar so gut, dass Philipp Rapp mit 213,54 Punkten persönliche Bestleistung erzielte. Bis zum Weltrekord von 216,40 Punkten, aufgestellt vom siebenfachen Weltmeister Lukas Kohl im September 2022 bei den Swiss Austria Masters, fehlten weniger als drei Punkte. Diesen Weltrekord zu knacken, das ist für den Albstädter auch ein Ziel. „Es ist nicht unmöglich mit 218,20 eingereichten Punkten mal über die 216,40 Punkte auszufahren. Wann oder ob es klappt, kann ich aber überhaupt nicht sagen. Es kann dieses Jahr passieren, nächstes Jahr, übernächstes Jahr – oder vielleicht auch gar nicht“, sagt Rapp, der weiß: „Am Ende braucht es einen Wettkampf, an dem wirklich alles zusammenpasst. Es macht keinen Sinn, in den Wettkampf zu gehen und sich fest vorzunehmen, einen Weltrekord auszufahren.“ Das nehme die Voraussetzung „frei und zuversichtlich“ zu fahren.

Entsprechend ist ein möglicher Weltrekord nicht der primäre Grund für den 23-Jährigen, neue und schwerere Übungen in sein Programm aufzunehmen. Das ist ein ganz anderer, wie er erklärt: „Ich konnte mir, um ehrlich zu sein, einfach nicht vorstellen, die nächsten Jahre immer nur dasselbe Programm zu fahren und auch jedes Training dieselben Übungen zu machen. Das wäre mir auf Dauer einfach zu langweilig geworden. […] Gerade während der Saison wiederholt sich im Training vieles: aufwärmen, einfahren, Programm fahren, aufarbeiten und das Ganze wieder von vorne. Nach einigen Wettkämpfen merke ich dann schon, dass mir diese ständige Wiederholung irgendwann zu eintönig wird. Neue Übungen geben mir deshalb auch neue Herausforderungen und bringen Abwechslung ins Training.“

Und trotz dem, dass kein anderer eine solch schwere Kür fahren kann und es keine weiteren Übungen gibt, bei denen es sich punktemäßig lohnen würde, diese ins Programm aufzunehmen, ist der Psychologie-Student noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. „Wir sind wieder am Überlegen, was man noch so machen könnte“, verrät Rapp, dass er mit seinem Trainer Dieter Maute gerne weitere Übungen erfinden würde. Maute entwickelte eine der inzwischen populärsten Übungen: den Maute-Sprung. Dabei springt der Sportler, der mit beiden Füßen auf dem Sattel steht, nach vorne in den Frontlenkerstand. Und Rapp kann sich auch noch weiter verbessern. „Bei der Planche gäbe es noch eine schwerere Version, die mehr Punkte bringt. Ich fahre die Planche aktuell in der zweiten von drei Schwierigkeitsstufen – mit gespreizten Beinen -, bei der schwereren Version wären die Beine dann geschlossen. Das ist aber, wenn überhaupt, erst für die Saison 2027 machbar, dafür muss ich noch viel Krafttraining machen“, sagt Rapp. Und er würde den Drehsprung, seine Lieblingsübung, mit der er allerdings auch eine Hassliebe verbindet, gerne auf zehnfach erweitern. „Aktuell fahre ich zwischen fünf und sieben Drehungen im Programm.“

Aber für Philipp Rapp geht es nicht nur darum, seine Höchstleistung aufs Parkett zu bringen und von Sieg zu Sieg zu eilen. „Mein größtes Ziel für die kommenden Monate und eigentlich auch darüber hinaus ist, die Saison und die Wettkämpfe mehr zu genießen“, erklärt der Sportsoldat. „Ich habe mir in den vergangenen Jahren eine Situation erarbeitet, in der ich weiß: Wenn ich meine Leistung abrufe und gut durch mein Programm komme, dann bin ich vorne. Natürlich kann und werde auch ich Fehler machen und gewinne somit nicht automatisch. Aber ich kann etwas entspannter in die Wettkämpfe gehen. Ich weiß zum einen, dass man oft erst im Nachhinein merkt, wie besonders der Moment gerade war und man ihn irgendwie durch die ganze Anspannung gar nicht richtig wahrgenommen hat. Und zusätzlich weiß ich auch: Wenn ich irgendwann in ein paar Jahren mit dem Sport aufhöre, werde ich diese Wettkämpfe, diese Situationen und dieses Gefühl so wahrscheinlich nie wieder erleben. Deshalb möchte ich die kommende Zeit möglichst bewusst mitnehmen und genießen. Deshalb versuche ich mir bewusst zu machen, wie cool es eigentlich ist, dass ich mir diese Ausgangslage erarbeitet und die Möglichkeit habe, bei großen Wettkämpfen vorne mitzufahren.“

Vorne, das war er in dieser Saison bereits nicht nur bei den ersten drei Weltcups, sondern auch bei der Europameisterschaft, die er auch in der U19-Klasse schon einmal gewann. Höhepunkt der Kunstrad-Saison sind nach den German Masters in Märkisch Buchholz, Ilsfeld und Albstadt – der Heimatstadt von Philipp Rapp -, die im zweiwöchigen Abstand ausgetragen werden, sowie den Deutschen Meisterschaften in Sulzbach am Main (25. bis 26. September) die Weltmeisterschaften, die vom 16. bis 18. Oktober im britischen Derby stattfinden werden.

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